Brauchen wir noch Rituale?

Jedes Land hat eigene Rituale. Als Geschäftsreisender lesen Sie wahrscheinlich vor jeder Reise zu einer neuen Destination den entsprechenden Business-Knigge. Aber haben Rituale in einer globalisierten Welt weiterhin ihre Berechtigung oder verlieren sie langsam an Bedeutung?

Unser Tag wird strukturiert von vielen kleinen Ritualen. Vom Abschiedskuss am Morgen über das Team-Lunch in der Mittagspause bis zur Gutenachtgeschichte für die Kinder. Neben diesen alltäglichen Ritualen gibt es in jeder Kultur große gesellschaftliche Rituale wie Hochzeiten, Taufen oder Beerdigungen.

 Rituale stiften Gemeinsamkeit.

Rituale spielen nicht nur im Privatleben eine Rolle. Auch in der Geschäftswelt haben wir täglich mit Ritualen zu tun. Es gibt Studien, die belegen, dass bestimmte Firmenrituale die Produktivität und Wertschätzung der Mitarbeiter fördern. Google beispielsweise setzt ein besonderes Ritual für neue Mitarbeiter ein. In ihrer ersten Zeit im Unternehmen tragen alle Neuen, die so genannten „Noogler“ bunte Beanie-Mützen in den Unternehmensfarben. Auch wenn solche Rituale Außenstehenden manchmal lächerlich vorkommen mögen, sorgen sie doch dafür, dass die Mitarbeiter sich als Teil einer exklusiven Gruppe fühlen. Diese Art der Identifikation kann zu einer schnelleren Integration, höherem Engagement und damit zu mehr Produktivität führen.

Rituale geben Stabilität, Struktur und Sicherheit und stärken die Gemeinschaft. Gerade in Veränderungsprozessen – Einarbeitung neuer Mitarbeiter, Umstrukturierung, Abschied – kommt die soziale Bedeutung von Ritualen zum Tragen.

Rituale erleichtern das Zusammenleben.

Deshalb sind sie auch in einer globalisierten Welt von großer Bedeutung. Weltweit gibt es Ankunfts- und Abschiedsrituale, die sich teilweise stark unterscheiden. Während wir uns in den meisten westlichen Ländern einfach die Hände schütteln, variieren die traditionellen Rituale von Land zu Land stark. Eine Verbeugung in China, Küsschen in Brasilien oder ein Blumenkranz auf Hawaii. Auch wenn diese Traditionen gerade im Business-Kontext immer mehr verschwinden, ist es doch eine aufmerksame Geste, die traditionelle Begrüßung des Gastlandes zu lernen. Das zeugt von Respekt und Anerkennung.

Rituale verändern sich.

Ähnlich wie die Begrüßungsrituale, werden sich auch andere Rituale aufgrund der Globalisierung angleichen. Das heißt aber nicht, dass Rituale ganz verschwinden. Ein Beispiel dafür ist die Visitenkartenzeremonie in Japan. Wir alle wissen, dass in Japan die Übergabe von Visitenkarten ein Ritual ist, dem große Bedeutung zukommt. Wir haben gelernt, dass es höflich ist, sich die Visitenkarte des Gegenübers genau anzusehen, bevor man sie auf dem Tisch ablegt. In abgeschwächter Form wendet man dieses Ritual bereits in anderen Ländern an – wahrscheinlich, um auch dort sicherzugehen, dem Geschäftspartner genügend Respekt entgegenzubringen.

So lernen die Kulturen voneinander und schauen sich gegenseitig Einiges ab. Aber egal, wie sie aussehen, Rituale werden auf der ganzen Welt weiter eine wichtige Rolle spielen, weil sie uns Struktur, Halt und Gemeinschaft geben.